Raupe – neues altes schönes Fahrrad

Ich habe frei und sitze trotzdem nicht auf dem Rad? Eigentlich wäre ich jetzt im Wald im Schlafsack. Doch das Wetter ist beschissen. Stattdessen gibt es eben für euch einen Text übers Radfahren. Oder zumindest über ein bestimmtes Rad.

Ich wollte euch schon länger mein Rad vorstellen. Mein neues “Altes”. Wobei alt ist es irgendwie auch wieder nicht. Naja, schon. Aber beginnen wir von vorne:

So glücklich ich mit meinem Bruder Jakob bin, er kommt hin und wieder an seine Grenzen. Besonders beim Rütteln über groben Untergrund stellte ich mir vor, wie es jetzt wäre, mit etwas mehr Reifenbreite unterm Hintern. 

Ich wollte gern ein richtiges Abenteuer Bike. Eines fürs grobe Gelände. Sowas was man klassischerweise zum Bikepacking a la canby b graveler, in der Eifel oder beim Mainfrankengraveler fahren würde. Irgendwas zwischen Gravelbike und Mountainbike. Breite Reifen. Große Gänge. Lenker mit Drop Bars. Platz für Gepäck. Außerdem will ich eine Einfachschaltung. 

Das gibt es natürlich alles. Im Internet hab ich es gesehen. Sonst käme ich wohl nicht auf die Idee. Aber ein neues Rad von Brother, Bombtrack und Konsorten kann und will ich mir nicht leisten. 

Darum entspinnt sich in meinem Kopf eine Idee. Sowas könnte ich doch auch selbst bauen. Im Keller habe ich sicher noch das ein oder andere Teil, das ich verwenden kann und so kompliziert sind Fahrräder auch nicht.

Als maximale Kostengrenze setzte ich mir 400 Euro. Kann ich ein Rad für unter 400 Euro bauen? Eines, mit dem ich bedenkenlos auf große Tour gehen kann? 

Ich probiere es einfach mal aus. 

Gern würde ich euch einfach das Ergebnis vorstellen und behaupten, das wäre alles ein Klacks gewesen. Ganz so war es aber nicht. Ich bin zwar technisch interessiert und auch nicht berührungsängstlich, was neue Herausforderungen angeht. Doch ich komme am Montageständer immer wieder an die Grenzen meiner Qualifikation. Euch trotz der Widrigkeiten den ganzen Prozess zu beschreiben, finde ich jedoch spannend. Vielleicht auch gerade deshalb.

Soviel sei gesagt: es hat nicht auf Anhieb perfekt geklappt. Den ersten Rahmen, den ich verbaut hatte, habe ich von einem Freund geschenkt bekommen. Ein  Univega Mountainbike Rahmen. Vermutlich aus den 80er Jahren. Wunderschön zwar,  aber für mich leider viel zu klein. Beim Treten hatte ich das Gefühl, sämtliche Kraft würde von der super langen Sattelstütze verschluckt werden. Außerdem sah es beim Fahren ein wenig so aus, als würde ich auf einem sehr kleinen Clownfahrrad sitzen. 

Eine Erste Version. Noch mit zu kleinen Rahmen und 3-fach Kurbel. Man beachte die länge der Sattelstütze.

Es war der erste Versuch und was ich schon mal feststellen konnte: Ein Fahrrad nach den besagten Vorstellungen für unter 400 Euro aufzubauen ist durchaus möglich. Meine Rechnungen beliefen sich bis dato auf 370 Euro.

Mission erfüllt? Noch nicht.

Zwar machte ich die ein oder andere Ausfahrt mit meinem neuen Teil. Was auch ganz okay lief. Sogar zur Gravelausfahrt beim hiesigen edel Bikestore traute ich mich mit meinem Eigen(-um)bau aufzukreuzen. Zwischen den anderen Carbon-Geschossen für mehrere tausend Euro fühlte ich schon ein wenig exotisch mit meinem Bastelprojekt. Auch wenn sich meine Mitfahrer interessiert bis anerkennend äußerten. So richtig warm wurden wir beide allerdings nie so richtig und so verschwand das Ding  etwa zwei Winter im Fahrradkeller.

Doch mein Wunsch nach einem Abenteuerrad mit großen Reifen und Rennlenker blieb bestehen. Spätestens als ich meine Freude am Umlackieren und Neugestalten von Bikes entdeckt habe und als ich so viele Räder wie ich nur konnte umstylen wollte, nahm ich das Projekt wieder in Angriff. 

Diesmal mit einem Rahmen in meiner Größe. Bei Kleinanzeigen fand ich ein altes Raleigh in einem äußerlich erbärmlichen Zustand. “Für 10 Euro zum Ausschlachten an Bastler abzugeben”. Musik in meinen Ohren. Raleigh. Gute Marke guter Stahl – So lautete meine Theorie, ohne wirklich Ahnung zu haben. Die restlichen Teile hatte ich ja noch von meiner ersten Version. 

Also wurde geputzt, entgrünt, entrostet und entsorgt. 

Zum Vorschein kam tatsächlich ein solider Rahmen, der schnell einen neuen Look samt Namen erhielt. Die Geburtsstunde der “Raupe”.

Auch zusammengesetzt war Raupe natürlich noch nicht fertig. Nach jeder Testfahrt ploppte ein neues Problem auf. 

Achtung, es wird an dieser Stelle für meinen Blog unüblich. Nämlich ziemlich technisch. Doch entspannt euch. Später kommen schöne Bilder.

Gleich zu Beginn rutschte mir ständig die Kette herunter. Zunächst hielt ich das Schaltwerk, ein 90er Jahre Shimano LX, für das Problem. Ich dachte, dass dieses zu wenig Zug auf die Kette bringen würde. Besonders nachdem ich diese extra große 9-fach Kassette und eine Schaltaugenverlängerung (Missing link)  montiert hatte. Also rüstete ich auf ein gebrauchtes, sram 10-fach Schaltwerk mit großem Käfig um. Das ist immerhin für große Kassetten gebaut worden.

So hatte die Kette zwar sehr viel mehr Spannung, doch herunter fiel sie trotzdem immer wieder. 

Erst jetzt lernte ich, dass 1-fach Schaltungen ein spezielles Ritzel mit extra langen Zähnen brauchen. Hätte ich das mal früher gewusst.  Nachdem ich endlich ein sogenanntes “narrow wide” Kettenblatt in der für meine Kurbel passende Größe gefunden hatte, vergingen einige weitere Wochen und DHL Lieferungen. Immerhin kenne ich jetzt den Begriff des Lochkreises.

Die  Schaltung nochmal richtig einzustellen dauerte auch eine Weile. Vielleicht wird es in diesem Text klar: Ich probiere zwar gern herum und bin auch kein völlig Ahnungsloser was Radtechnik angeht. Aber in vielen Bereichen bin ich eben ein absoluter Laie.

Darum dauert es bei mir auch seine Zeit, um ein sram 10-Fach Schaltwerk, an einer 9-fach no name Kassette, mit einem 8-9-fach Rennrad-Lenkerend-Schalthebel von shimano einzustellen. Aber letztlich funktioniert es. Und das ist mittlerweile sogar ziemlich gut. 

Das nächste Problem war die Sattelstütze. Die ist oben an der Sattelhalterung so durchgenudelt so, dass der Sattel immer wieder nach hinten kippt. Dabei hasse ich doch das Bergauffahren schon genug und eigentlich soll der Sattel ja den Hintern halten und nicht umgekehrt.

Natürlich braucht ein Fahrrad von Jobinski auch entsprechende Taschen. Obligatorisch ist die Rahmentasche.  Farblich passend zum Rahmen, eh klar. Soweit so gut. Doch die Tasche, die ich am Lenker vorgesehen hatte, ist für mein Rad ungeeignet. Durch das sanfte Schaukeln stößt die Tasche immer wieder an den Bremszug der Cantileverbremse. Das klackert und bremst.

Also muss die Tasche weg und eine bessere Lösung zum Gepäcktransport her. Ein kleiner Gepäckträger soll es richten. Als vordere Tasche ist eine kleine Version der hinteren Tasche quasi des Kofferraums naheliegend. 

Als Hauptgepäck Tasche wollte ich mal etwas anderes als die sonst gern gewählte Arschrakete. Schon länger habe ich ein Auge auf die Modelle der traditionellen Caradice Sattel Taschen beziehungsweise deren Nachbauten von anderen feinen Herstellern geworfen.

An einem verregneten Sonntag habe ich mich  mit einem langen Hörbuch mal rangesetzt und meine eigene Version einer solchen Satteltasche genäht. Auf das Ergebnis bin ich ziemlich stolz und  auch der erste Test hat mich absolut überzeugt.

Mit dem Rack zur Stabilisierung unterm Sattel hat mir ein Bekannter geholfen. Das Ding kostet im Original 90 Euro und mein Kumpel kann alles bauen, mit was man ihn beauftragt. Das Prinzip des geringen Preises gilt nach wie vor, auch wenn die 400 Euro Marke mittlerweile wohl geknackt sein dürfte.

Bei der Beleuchtung habe ich mich bei diesem Rad gegen einen Nabendynamo entschieden. Auch wenn der Luxus einer fahrbaren Lademöglichkeit von Navi und Handy damit weg fällt.  Ganz einfach weil ich nicht wieder ein neues Vorderrad und teure Scheinwerfer einkaufen wollte. Stattdessen hab ich der Raupe ein fettes Akku Licht verpasst. Eines, das auch dem stärksten Dynamo hell erleuchtet sein und bergauf auf dem Wurzelweg schwächelt auch der beste Nabendynamo. 

Wie gesagt, ein Bike fürs grobe Gelände sollte es werden und ein Bike fürs Grobe ist es geworden.

Allmählich ist meine Raupe (fast) so wie ich es mir vorgestellt hatte.  Es ist ein Rad auf dem super sitze. Auf dem Radweg sowie auf der Wurzelpassage rollt sie toll. Die Schaltung am Lenkerende habe ich schnell lieb gewonnen. Ich liebe meine neue Satteltasche und auch sonst bin ich gerade ziemlich glücklich. Das lange Basteln und probieren hat sich gelohnt. Auch durch das viele Fluchen und die Fehler konnte ich eine Menge lernen.

Ausprobiert mit Gepäck und einer Übernachtung im Wald habe ich Sie auch schon. Die Raupe wird wohl mein Rad für Ausfahren wie den Mainfrankengraveler und Konsorten. Ich freue mich darauf.





Zwischenstand. Mit alten Schaltwerk, ungeeignetem Zahlkranz und ohne neue Tasche.

Schöne Tasche. Leider drückte sie auf den Bremszug der Vorderbremse
Erste Probefahr mit der neuen Satteltasche. Das einzige was von anfang an überzeigt hat.

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