BB – Berlin Böhmen by bike 1/2

Montag – Start in Berlin

Hinter mir liegt ein Wochenende in Berlin, wie man es eben kennt.  Ein Wochenende mit vielen Ausschweifungen und unsportlichem Verhalten. Zumindest was die Ernährung angeht.

Dementsprechend fahre ich mit  einem leichten Gefühl der Zerknautschung los.

Es ist Montag. Eine Woche Urlaub auf einem bepackten Bike liegt vor mir. Grob will ich nach Hause nach München kommen. Wie und wo entlang genau, das lasse ich mir offen. Als erstes mal gen Süden. Den Plan, zunächst mit einem Regionalzug raus aus dem Stadtgebiet zu fahren, um den Ampel- und Autoverkehr zu überspringen, verwerfe ich. So weit ist es auch nicht raus hier. Kurze Zeit später bereue ich diese Verwerfung, denn es nervt natürlich mehr als erwartet. Auto hier. Ampel da. Ich komme gar nicht richtig in den Tritt. 

Endlich am Grunewald angekommen, erstreckt sich eine schnurgerade Startbahn, auf der ich endlich meinen Rhythmus zu finden versuche. Braucht noch ein wenig. Es ist heiß. Meine Beine wackelig und in meinem Kopf pocht sowas wie ein verschleppter Kater.

Dort hinten geht es zum Strandbad. Gute Idee. Erstmal abkühlen. Am Wannsee wate ich ins algige Wasser. Das Grün stört mich gerade herzlich wenig. Abkühlung ist das einzige, was zum jetzigen Zeitpunkt Sinn ergibt.  Ich könnte theoretisch einfach hier bleiben. Immerhin habe ich keinen Termindruck. Gleichzeitig habe ich streckentechnisch gefühlt noch nichts gerissen und sollte noch ein bisschen Radweg hinter mich bringen  Ich habe Berlin quasi noch gar nicht verlassen. So mein Gefühl. 

Also weiter aufs Rad. Weiter auf die Suche nach meinem Rhythmus. Es holpert.  Einkehr beim Supermarkt. Kohlenhydrate in hoher Konzentration zuführen. Vielleicht hilft das ja. 

Es hilft. 

Mein Navi führt mich schlängelnd auf sandigen Schleichwegen über die Grenze nach Brandenburg. Es wird lichter. Immer weniger Häuser, Orte und Menschen begegnen mir. Die Nadelwälder ziehen links und rechts an mir vorbei. Langsam komme ich an. Willkommen auf meiner Radreise.

Wasser und sowas wie ein Abendessen  finde ich im großen Supermarkt in Beelitz. Noch immer brennt die Sonne kräftig. Mein Kopfschmerz pocht nach wie vor unbarmherzig.  Ich sehe zu, schnell wieder in den schattigen Wald zu kommen. 

Das Radgeschäft lasse ich links liegen. Auch wenn ich mit dem Gedanken spiele, meine Klickpedale gegen normale auszutauschen. Irgendwie hab ich mit den Klicks mehr Scherereien als Vorteile. Trotz Bikefitting, spezieller Sohlen und diversen Feinjustierungen bekomme ich immer wieder taube Zehen. Sobald ich auf der normalen Seite meiner Pedale trete,  geht es problemlos.  Aber das ist jetzt plötzlich nicht mehr so wichtig. Ich will weiter.

Kurz hinter Beelitz treffe ich auf den R1. Ein Fernradwanderweg, den ich als absoluten Volltreffer in Erinnerung habe. Landschaftlich und verkehrstechnisch ein traumhafter Radweg.  Kaum Autoverkehr, dafür umso mehr abwechslungsreiche Landschaft zum Anglotzen. Dazu kommt, dass ich gefühlt alleine unterwegs bin. Nur vereinzelt ein, maximal drei andere Radreisende, die mit entgegenkommen. Hier in Brandenburg tauscht man als Radreisender eine dichte Infrastruktur gegen die Einsamkeit auf dem Radweg. Kein schlechter Deal finde ich. 

Witzigerweise  kommt mir hier vieles bekannt vor. An diesem Friedhof hatte ich schon mal Wasser aufgefüllt.  Es stimmt schon: Einige Abschnitte bin ich 2018 in entgegengesetzter Richtung gefahren. Schon damals beim Candy B Graveler hat mich die Weitläufigkeit und die Verlassenheit dieser Gegend beeindruckt. 

Der Hinweis zu einem sogenannten ”Naturbad” in einem Nest namens Brück  kommt wie bestellt. Hier kann ich zum zweiten Mal heute runter kühlen und außerdem den Schweiß und sandigen Staub  wegduschen. Habe ich erwähnt, wie sandig und trocken alles ist?

Im Abendlicht stelle ich fest: Allmählich  wäre ich bereit für einen Schlafplatz. Innerlich  feile ich an einem wiederkehrenden Tagesablauf für die Woche. Ich überlege, dass es eine gute Strategie wäre, nicht wie sonst gerne bis spät in die Nacht,  sondern stattdessen immer bis 17 / 18 Uhr zu fahren. Dann hätte ich genug Zeit zum Erholen. Ich habe keine Lust, für ein paar Tageskilometer mehr am Schlaf zu sparen. Erfahrungsgemäß rächt sich das immer nach ein paar Tagen. Erholt komme ich so auch nicht von meinem Radurlaub zurück. 

Schließlich will ich meine Woche genießen und mich nicht nur kaputt ballern. Ganz dringend will ich das. Ich weiß nur noch nicht so recht, wie das gehen soll. Ich bin bei meinem letzten Versuch einer entschleunigten Radtour haushoch gescheitert. Ein ausgeglichenes Verhältnis aus Anstrengung und Entspannung einzuüben, soll meine größte Herausforderung in dieser Woche werden.

Zum Ausklang des Tages folge ich weiter dem traumhaften Verlauf des R1. Mein Blick durchstreift die Landschaft nach  geeigneten Schlafplätzen. 

Hier ist Militärgebiet. Das ist eher ungeeignet. Hier ist viel los.  Also auch das wird nichts. Die Mooshütte sieht super aus. Nur ein seltsamer Typ spaziert barfuß vorbei.  Nichts gegen seltsame Typen, die barfuß wandern, aber ich habe eben so ein Bauchgefühl.

Also weiter. Zu einer Schutzhütte, an die ich mich sogar zu erinnern glaube.  Damals (sehr) früh morgens beim Candy war sie noch besetzt, als Andreas und ich durch den morgendlichen Nebel fuhren. Irgendwie fahre ich hier auch meine Erinnerungen ab.

Auf der Bank blicke ich in die Abendlandschaft. Hier bereite ich mich für die Nacht vor. Klamotten wechseln. Abendessen machen. Ich bin heilfroh, eine Notfallreserve Couscous dabei zu haben. Sonst fahre ich meine Vorräte vor allem spazieren. Heute brauche ich sie tatsächlich.  Wie schon gesagt:  Hier in Brandenburg tauscht man als Radreisender eine dichte Infrastruktur gegen die Einsamkeit auf dem Radweg.

Ein Pärchen sitzt  eine Bank weiter. Sie kommen wohl  öfter nach dem Abendessen her und haben auch schon Wölfe hier gesehen. Ich halte mich trotz regen Interesses an meinen Plänen bedeckt, was meine Übernachtungspläne angeht. Wenn sie wüssten. Sobald die beiden weg sind, breite ich meinen Schlafsack in der Schutzhütte aus. Später höre  ich dann noch einmal Stimmen. Anscheinend treffen sich zwei zum Techtelmechtel. Ich stelle mich schlafend. 

Auch wenn ich schon früh im Schlafsack liege – bis ich schlafe, ist es bestimmt schon nach Mitternacht. 

Dienstag.

Offensichtlich ist mein Platz weit weniger abgelegen als gestern noch vermutet. Als ich meine Sachen zusammenpacke, rollen gerade zwei Straßenarbeiter mit ihren Fahrzeugen an. Die sind interessiert an meinem Setup und meinen Vorhaben. Dass ich quasi in Unterhose vor ihnen stehe, scheint niemanden zu stören.

Einigermaßen ausgeruht mache ich mich auf in den kommenden Tag. Kaffee wäre gut.  Mein Plan, einen zu kochen, wurde unterbrochen und da die beiden Landschaftsgärtner fleißig den benzinbetriebenen Balkenmäher bedienen, ist an diesem Ort Schluss mit Frühstücksromantik.

An einem Landgasthof sehe ich Sonnenschirme und einen Biergarten. Gastro!  Hier werde ich Kaffe finden und sogar ein Frühstücksbuffet. Nie habe ich 20 Euro lieber ausgegeben. Ich tanke kräftig auf. Ein fröhliches Vorankommen hängt ganz stark  vom Essen ab. Genug Essen heißt gute Stimmung. An dieser Regel gibt es nichts zu rütteln. 

Weiter geht es. In Richtung Lutherstadt Wittenberg. Durch den Naturpark Hoher Fläming.  Eine beeindruckende Gegend. Nicht weit von der größten Stadt der Republik entfernt passiere ich viele leerstehende Wohngebäude, Ladengeschäfte und scheinbar verlassene Ortschaften. Orte, deren Straßen nicht asphaltiert sind. Am Horizont ein riesiger Windpark. Ich erinnere mich an den Roman “Unter Leuten” von Juli Zeh. Genau hier könnte er spielen. 

Meine Pedale nerven mich weit weniger als noch gestern. Auch sonst sitze ich auf meinem Rad ohne große Zipperleins. Keine tauben Finger, keine Sattelprobleme und auch die Schaltung flutscht, wie sie es soll. Es läuft richtig gut mit Bruder Jakob. Meine pochenden Kopfschmerzen von gestern sind auch schon wieder vergessen.

Ich muss auch noch einmal betonen, wie  toll die Strecke ist. Der R1 ist wirklich ein  fantastischer Radweg. Ich genieße es immer mehr. Es ist niemand hier außer mir, kaum Autoverkehr, alles toll zu fahren, ohne dass es öde wird. Die spätsommerliche Sonne tut ihr Übriges. Wie so oft auf der Tour könnte ich durchgehend anhalten und Bilder und Videos machen. Die Verfolger meiner Instagram Storys wissen, was ich meine.

Nächste Station: Lutherstadt Wittenberg 

Beim Türkischen Imbiss bestelle ich einen großen Salat mit Grillkäse der entgegen meiner Erwartung  ganz hervorragend schmeckt. Um etwas Deftiges zu essen, ist mir viel zu heiß. Beim Rossmann besorge ich eine neue Sonnencreme und Lavendelöl in der Hoffnung, damit die Mücken in der Nacht abzuhalten. Außerdem greife ich zu einer Packung mit Elektrolyten. Ich habe das Gefühl, dass mit meinem Wasserhaushalt etwas nicht stimmt. Mir scheint, als würde mein Körper das Wasser aus meinen Trinkflaschen gar nicht richtig aufnehmen, sondern es direkt an die Schweißdrüsen und an meine Blase weitergeben. Sorry, das waren vielleicht etwas sehr genaue Angaben zu meinem Stoffwechsel.

Nach diesem Versorgungsstopp in Lutherstadt Wittenberg geht es weiter.

Die Landschaft ist weiterhin spitzenmäßig. So wie auch die Temperaturen. Ich lasse die Kiefernwälder Brandenburgs zurück und durchfahre nun das ehemalige Braunkohlegebiet.

In einem der durch den Tagebau entstandenen Seen komme ich wieder zu einer Abkühlung.  Außerdem gehe ich meiner Müdigkeit nach und lasse mich zu einem Nickerchen hinreißen. 

Als ich wieder aufwache, sind bestimmt  Stunden vergangen. Na dann. Der Körper hat es wohl gebraucht. Wie nach einem Mittagsschlaf zu Hause auf dem Sofa kommt mir ein vertrauter Gedanke: Du könntest ja auch einfach liegen bleiben. 

Als eine Gruppe Jugendliche eine Große Boom Box und einen Kasten Bier ranträgt, kann ich diesen Gedanken schnell wieder verwerfen. Ich finde bestimmt ein besseres, weil stilleres Plätzchen für mich. Also geht es eben weiter. Was mir auf der anderen Seite nicht unrecht ist, denn wie so oft bin ich gefühlt noch gar nicht richtig vorankommen heute. Aber zu diesem Gedanken später mehr. 

Die Sonne schwindet: Es ist eine milde Nacht. Wie so oft im Sommer kommt nach dem Sonnenuntergang die Power zurück. Gefühlt könnte ich jetzt richtig lange weiterfahren. Doch andererseits würde ich außer einem Streifen im Scheinwerferlicht  nichts von der Landschaft mitbekommen.

Ich verirre mich noch ein bisschen im Wald. Drehe in einer Sackgasse umringt von Wasser um. Trage mein Bike durch einen flachen Fluss. Das Wasser ist glasklar. Im Schein der Taschenlampe kann ich den Boden erkennen. Außerdem fühlt sich das Wasser fantastisch an den Beinen an, so dass ich versucht bin, ein nächtliches Bad zu nehmen. Im Nachhinein schade, dass ich es nicht gemacht habe. Andererseits ist es auch ein wenig gruselig hier im Dunkeln.

Also noch etwas weiter. An einem Picknickplatz am Ortsrand lasse ich mich letztendlich nieder. Regen ist angesagt. Darum bin ich froh über das Dach über mir. 

Was nun folgt ist eine dieser Nächte, in denen schnell klar wird, dass heute keine Erholung zu finden ist. 

Da wären als erstes die Mücken. Das Lavendelöl, das ich großzügig überall verteilt hatte, geht nicht über die Wirkung eines spirituellen Rituales hinaus. Um mein Ohr und meine Nase quälen mich die kleinen Teufel.  

Dazu kommt: Meine Luftmatratze verliert die Luft. Irgendwo muss ein winziges Loch sein. Ich liege quasi direkt  auf einer harten Holzbank. Ich versuche noch, das Loch zu finden. Finde es sogar und flicke es  (erfolglos) mit einem Reifenflicken. 

Dann kommt das Gewitter. Der Wind ist so stark, dass der Regen unter das Dach weht.

Ich ziehe  eine Etage tiefer unter die Bank und improvisiere eine Höhle und mit Hilfe meines Tapes noch etwas Wetterschutz.

Es ist 3 Uhr morgens und ich habe noch  kein Auge zugemacht. Die Mücken toben absurderweise trotz Regen und Wind weiter  und so gebe ich auf dem kalten Boden liegend  die Hoffnung auf etwas Erholung auf.  Ich kann jetzt sowieso nichts ändern. Morgen werde ich mich anderweitig erholen müssen. Für den Moment  kann ich nichts weiter tun als abwarten. 

Ich bin ganz überrascht über meine Gelassenheit. Ganz buddhistisch komme ich mir vor. Scheinbar bin ich doch etwas zur Ruhe gekommen in den letzten zwei Tagen.

Hier geht es übrigens zur Fortsetzung

Ein Gedanke zu „BB – Berlin Böhmen by bike 1/2

  1. Gegen Mücken gebrauchen ich Mundwasser, für 0,99 €. Das hilft mir die ich eine Mückenfalle bin am besten. Ineine spruhflasche und ab geht’s. Mücken kommen auf einen zu, lassen sich aber nicht nieder.
    Hilft sogar in Afrika.
    Lieber gruss Gabriella Gianini

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